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Wer aufgibt, kann nicht auferstehen

Elke Protzmann (CSU) und Michael Busch (SPD) im Gespräch über ihre Niederlagen. Fotos: Tim Birkner

22. März 2008

Coburg Ostern hat viel mit der Kommunalpolitik gemeinsam. Wenn das Volk schreit: „Nicht diesen, sondern Barabas“, dann heißt das, es gibt am Wahlabend nicht nur Sieger, sondern auch Verlierer. Der Wille des Volkes ist unbarmherzig. Und die Verlierer brauchen viel Kraft, um vom Kreuz wieder herabzusteigen. Eine Niederlage zu verarbeiten, braucht Zeit. Nicht jeder oder jede ist Kraft oder Willens, aus einer verlorenen Wahl gestärkt hervorzugehen. Am ehesten darüber sprechen kann man, wenn ein frischer Sieg die früheren Niederlagen überdeckt, sich das Aufrichten also gelohnt hat. Elke Protzmann (CSU) hat mit über 21 000 Stimmen als Kreisrätin die siebtmeisten Stimmen überhaupt bekommen; keine andere Frau, nur ein ehrenamtlicher Politiker hat mehr Einzelstimmen. Im Stadtrat Neustadt konnten sie und die CSU die Hälfte aller Sitze erringen, mehr als bisher. Im Kreistag ist die CSU stärkste Fraktion. Michael Busch (SPD) hat als Kandidat für den Landrat zunächst Staatssekretär Jürgen W. Heike (CSU) in die Stichwahl gezwungen, dann am vergangenen Sonntag gesiegt.

Sie, Herr Busch, haben bereits dreimal in Ebersdorf den Willen des Volkes zu spüren bekommen. Sie wollten 1991, 1996 und 2002 Bürgermeister werden, doch ein anderer hat die Mehrheit im Volk hinter sich gehabt. Sie, Frau Protzmann, erlebten Ihre Niederlage bei der Oberbürgermeisterwahl in Neustadt vor einem Jahr. Wie fühlt man sich an einem solchen Wahlabend, wenn gegen 19 Uhr feststeht, der Verlierer, das bin ich?

 Elke Protzmann: Nach der verlorenen OB-Wahl hätten Sie mich das nicht gleich fragen dürfen, das muss ich zugeben.

Michael Busch: Nach meiner letzten Niederlage in Ebersdorf 2002 mich auch nicht. Bei den ersten beiden schon. Es kommt immer auf die Situation an, aus der heraus man startet. Als ich zweimal gegen den amtierenden Günter Seiler angetreten bin, habe ich das gar nicht als Niederlage empfunden.

Elke Protzmann: Ähnlich habe ich das in Neustadt auch gesehen. Das wäre ja ein Wunder gewesen, aber irgendeiner musste ja kandidieren. Am Wahlabend ist das Verlieren gar nicht richtig angekommen. Das kam bei mir alles erst sehr viel später. Man nimmt das Ergebnis zur Kenntnis, aber rein gefühlsmäßig sagt man sich in dem Moment: ´Haltung bewahren´, dem Gegenüber gratulieren – das gehört dazu. Das ist Demokratie. Erst nach zwei, drei Tagen fällt man aus der Anstrengung heraus in ein Loch. Man hat sich bemüht. Und dann gibt es die vielen Besserwisser, die mir dann sagen, was ich falsch gemacht habe. Und natürlich, was ich besser hätte machen sollen. Dann kommt natürlich auch Trauer, Ärger, Wut. Ich habe das alles durchgemacht.

Michael Busch: Niederlagen gehören ja nicht nur in der Kommunalpolitik dazu, sondern im Leben. Egal wo: im Sport, in persönlichen Beziehungen. Jeder hat ständig mit Niederlagen umzugehen. Das fängt bei der Klassensprecherwahl an: Der eine nimmt´s sportlich, der andere ärgert sich. Der eine reagiert mit Gewalt, der andere nimmt´s locker. Bei den ersten beiden Wahlen habe ich überhaupt nicht reagiert. Bei der dritten Wahl war es anders. Ich war der designierte Bürgermeister. Überall bin ich vorgestellt worden: das ist unser nächster Bürgermeister. Da war ich wirklich enttäuscht. Da bin ich reingefallen und habe zwei, drei Tage gebraucht, um zu schauen: Was ist da eigentlich passiert? Für mich persönlich habe ich für die Landratswahl die Konsequenz gezogen: Ich bin nicht erst gekommen, als das Ergebnis feststand, sondern ich war vom Anfang an dabei. Das ist wie beim Fußball: Da steht es 1:0, super. Dann 1:1, uäh, dann kommt das 1:2, oh verloren... Aber ich habe diese Höhen und Tiefen mitgemacht. Ich glaube, so wäre mir auch das Verlieren leichter gefallen...(lacht)

Verlierer sein ist schwer genug. Doch nach dem Wahlabend gehen die Leiden erst richtig los: Man wird zu Kreuze getragen. Wie ist Ihnen diese Leidenszeit in Erinnerung geblieben?

Elke Protzmann: Ich mag gar nicht mehr darüber nachdenken. Auch aus der körperlichen Anstrengung heraus. Ich habe ja voll gearbeitet in der Zeit des Wahlkampfs. Ich hatte keinen Urlaub. Ich habe alles nebenbei machen müssen, das war eine irre Belastung. Am Schluss bin ich dann noch von Haus zu Haus gegangen. Danach hatte ich eine Woche Urlaub – die habe ich gebraucht. Was wehgetan hat, waren dumme Kommentare. Auch von dem einen oder anderen, der mir nahe stand. Das war ein Lernprozess, den ich für die Zukunft positiv aufgearbeitet habe, als Erfahrung für eine andere Gelegenheit. Ich habe Leute besser kennen gelernt, ich weiß sie besser einzuschätzen. Das ist eine positive Erfahrung. Ich selber habe gewonnen durch den Oberbürgermeister-Wahlkampf. Man gewinnt Selbstbewusstsein, man gewinnt in weiten Teilen Respekt. Denn letztlich gehört Mut dazu, sich zu stellen, und das wird von den Leuten anerkannt. Und man wird auch selbst mutiger. Man geht trotz der Niederlage gestärkt hervor. Im Nachhinein war das eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte – noch vor einem halben Jahr hätte ich das vielleicht anders gesehen.

Michael Busch: Nach meiner Niederlage 2002 kam die Phase, in der ich gesagt habe, ich trete zurück. Dann kommen aber die politischen Freunde und sagen: Das kannst du nicht machen. Ich habe eine Zeit gebraucht, um für mich selbst klar zu bekommen, wo habe ich etwas falsch gemacht, wo haben wir gemeinsam etwas falsch gemacht, haben wir überhaupt etwas falsch gemacht? Vielleicht klingt es banal, aber ich habe durch den Sport gelernt, damit umzugehen. Ich habe beim Fußball zuerst gelernt zu verlieren – und dann gewonnen. Wir waren eine grottenschlechte Mannschaft, haben immerzu Hiebe bekommen, 8:0, 13:0, ... Wir sind aber zusammen geblieben und haben uns hochgearbeitet. Und irgendwann waren wir mit der gleichen Mannschaft in der Oberfranken-Liga. So ähnlich war es hier auch. Zuerst habe ich nur verloren und irgendwann kommt die Zeit, wo du auch gewinnen kannst. Klar, es hätte schief gehen können...

Elke Protzmann: Was wichtig ist in dem Prozess, wenn man allmählich wieder Klarheit gewinnt, ist die Unterstützung von der Familie, meinem Mann, meinen Kindern, von Freunden, nicht zu vielen, aber immerhin, die einen wieder hochziehen. Es wäre doch schade, wenn all das, was man in den Jahren davor getan hat, einfach weg wäre, weil man die Flinte ins Korn wirft. Man hat sich ja auch Positionen erobert und Kenntnisse eingebracht. Wenn jetzt der eine oder die andere selbst ein Mandat nicht annimmt: Ich finde das einen falschen Weg. Der Wähler sagt: Ich will dich da haben. Das sollte man akzeptieren.

Wie haben Sie die Phasen, in denen man alles hinschmeißen will, überstanden?

Elke Protzmann: Drüber schlafen, drüber schlafen und noch mal drüber schlafen.

Michael Busch: Wir haben eines gemeinsam: Wir haben es aus dem Ehrenamt heraus versucht. Da gab es nie finanzielle Hintergründe.

Elke Protzmann: Nein, überhaupt nicht. Ich habe nie ans Geld gedacht.

Michael Busch: Dann helfen Freunde, natürlich die Familie, die sagt: Komm, es geht weiter. Ich habe mich eine zeitlang auf andere Sachen konzentriert. Ich habe nach der letzten Niederlage in Ebersdorf die Politik ein Jahr lang nur noch nebenbei gemacht. Ich dachte, es ist mein Recht, auch mal etwas anderes zu machen. Ich habe mehr Musik gemacht, mich mehr um die Familie gekümmert. Irgendwann hatte ich wieder Lust und habe gemerkt, dass die Welt nicht untergegangen war.

Elke Protzmann: Die Motivation damals anzutreten war einfach die, dass ich gemerkt habe, dass ich im ehrenamtlichen Bereich an Grenzen stoße. Und ich hatte einfach Lust, mehr zu machen. Gut, war nix. Jetzt versuche ich mich zu arrangieren. Ich habe drei kommunale Ebenen, das ist eine Herausforderung. Mir liegt ganz viel an der Arbeit im Bezirk, weil es ein Bereich ist, der uns maßgeblich in der Kommunalpolitik tangiert. Flinte ins Korn schmeißen: Das gilt nicht, weil es einfach genug zu tun gibt. Ein anderer müsste ja wieder bei null anfangen... das muss nicht sein.

Michael Busch: Ich sehe es auch aus der Perspektive der Erziehung heraus. Wenn ich Kindern und Jugendlichen nach der ersten Schwierigkeit vermitteln würde, du gibst auf egal wo, ich möchte das nicht auf das Politische reduzieren – das würde in der Erziehung daneben gehen. Die erste Niederlage, na ja, dann hörst du halt auf. Wir müssen helfen und sagen, das passiert eben. Ich glaube, es kann Vorbild sein für viele andere Bereiche: Eine Niederlage gehört halt dazu. Man muss lernen mit ihr umzugehen. Enttäuschungen gehören genauso dazu. Das gebe ich auch Kindern und Jugendlichen immer wieder mit.

Wie haben Sie für sich persönlich das Risiko des Verlierens vorher eingeschätzt? Sind diese Leiden, wenn sie denn eintreten, überhaupt vorhersehbar?

Elke Protzmann: Gar nicht. Ich habe mich da rein gestürzt. In dem Augenblick, in dem man bereit ist zu kandidieren, hat man auch den Ehrgeiz, der gehört dazu, sonst wäre man ja nicht glaubwürdig. Natürlich will man gewinnen. Ich habe einfach nur drauf los gearbeitet. Ich habe nicht darüber nachgedacht, sondern das gemacht, was wir uns für den Wahlkampf vorgenommen haben. Augen zu, und durch. Ich habe das nicht jeden Tag analysiert. Das Ziel war der Wahltag.

Michael Busch: Für mich fällt immer die Wahl 2002 heraus. Ich bin vielleicht etwas überheblich davon ausgegangen, das musst du packen. Da habe ich mich selbst sehr unter Druck gesetzt. Da habe ich dann die meisten Fehler gemacht, das muss ich zurückblickend einfach sagen.

Elke Protzmann: ...weil die Erwartungshaltung zu hoch war.

Zur Demokratie gehören immer welche, die im Wettstreit um ein Amt siegen und andere, die verlieren. Gibt es im System der Demokratie genügend Kraftreserven, für die, die das Amt nicht bekommen haben und sich wieder aufrichten wollen?

Elke Protzmann: Manchmal verstehe ich es nicht. Hier bekomme ich zu wenige Stimmen, dafür woanders umso mehr. Es ist nicht kalkulierbar. Es kommt immer auf die Verlässlichkeit der Persönlichkeiten an und darauf, dass sie beweisen, weiter zu machen. Das imponiert den Leuten. Der Wähler entscheidet einfach viel aus dem Bauch heraus.

Michael Busch: Bietet unsere Gesellschaft Platz für Verlierer? Das ist die Frage.

Elke Protzmann: Eigentlich eher nicht.

Michael Busch: Man ist doch immer gerne bei den Erfolgreichen. Ich wünsche mir, dass man viel mehr draus lernt. Vielleicht bin ich heute auch ein Beispiel dafür, dass es sich lohnt, wieder aufzustehen und dabei zu bleiben.

Elke Protzmann: Das hat etwas mit Persönlichkeit zu tun.

Michael Busch: Aber auch mit Verdrängung. Wie gut kann ich etwas wegdrängen? O.k., abgehakt und weiter. Das liegt mir. Aber ob die Gesellschaft auch in der Lage ist, Verlierer aufzufangen, das würde ich momentan eher skeptisch sehen.

Elke Protzmann: Das ist doch im Berufsleben genau das Gleiche. Verliert man den Arbeitsplatz, ist man auch ein Verlierer. Bis man wieder Fuß fasst, das ist gar nicht so leicht. Und manchmal liegt es gar nicht an demjenigen selbst. Es ist nicht seine persönliche Schuld, aber er ist trotzdem ein Verlierer.

Michael Busch: Das ist so. Auch Kinder und Jugendliche lernen das heute teilweise nicht mehr. Entweder, weil sie von vornherein Verlierer sind, wie zum Beispiel die, die in Armut aufwachsen. Die haben nie die Chance zu erleben, wie Siegen aussieht. Das ist ein gesellschaftliches Problem, ich glaube, dass wir für die Schwachen zu wenig tun. Ich sehe es nicht allein als kommunalpolitisches Thema. Der, der sich in der Politik engagiert, hat ja schon ein Stück weit ...

Elke Protzmann: ... der musste sich schon behaupten...

Michael Busch: ...und da kann ich nicht nachvollziehen, dass man, wenn man eine Bürgermeisterwahl verliert, sagt: Jetzt steige ich insgesamt aus und stelle mich auch als Gemeinderat nicht mehr zur Verfügung.

Elke Protzmann: Ich finde es schade. Weil das Wählervotum ja da ist. Du bekommst ein Mandat. Jetzt war es halt nicht das, was sie wollten, aber immerhin ein anderes und auch da kann man arbeiten. Als Stück vom Ganzen. Wenn ich einmal vorne dran stand, tue ich mich doch auch leichter, als Stimme vorne dran zu stehen.

Michael Busch: Ich muss immer damit rechnen, wenn ich antrete, kann ich auch verlieren. Das muss man einfach lernen: mit Niederlagen umgehen. Natürlich gab es bei mir auch Freunde, die gesagt haben: Warum tust du dir das an? Du hast schon dreimal verloren. Willst du noch ein viertes Mal verlieren? Ich habe damit gerechnet, und es hat mich nicht umgehauen. Hätte ich Angst gehabt, hätte ich gesagt: Nein das kann ich nicht.

Elke Protzmann: Ja, Angst darf man keine haben. Kommunalpolitik ist Arbeit vor der Haustüre. Das geht uns alle an. Wenn man sich dafür entschieden hat, Interesse am Menschen zu haben, egal ob Jung oder Alt, dann lohnt sich doch die Arbeit. Das ist für mich eine große gesellschaftliche Aufgabe und mein persönliches Credo. Es ist einfach lohnenswert, sich für andere einzusetzen. Damit setze ich mich ja auch automatisch für mich selbst ein – auch ich gehöre ja zur Gesellschaft dazu. Ich finde es eine wunderschöne Aufgabe.

Michael Busch: Wer aus einer Niederlage nicht auch Stärken für sich herauszieht, der hat etwas vergeben. Wer nach einer Niederlage aufgibt, verliert die Chance für sich persönlich, eine Stärke zu entwickeln. Irgendwann sagt man: Ich bin wieder aufgestanden.

Vielen Dank für das Gespräch und frohe Ostern.

Interview: Tim Birkner


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